Leslie Schwartz - Holocaust-Überlebender berichtet den Schülern des WEvKB

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Erstellt am Dienstag, 18. August 2015

                         

Der am 12. Januar 1930 in Ungarn geborene Holocaust-Überlebende Leslie Schwartz war auf Einladung zu einem Erfahrungsbericht in das Wilhelm-Emmanuel-von-Ketteler-Berufskolleg nach Münster gekommen. ...

Sehnsüchtig erwarteten ihn die Schülerinnen und Schüler in einer bis auf den letzten Platz gefüllten Aula. Denn so etwas gibt es heutzutage nicht mehr allzu oft, dass ein Überlebender des Holocaust seine Geschichte erzählen kann. Und nach der ersten großen Pause kam er dann, der doch sehr kleine und dabei so große Mann!


Leslie Schwartz erzählte zunächst in einem kurzen Bericht aus seinem Leben:

Als Laszlo Schwartz wurde er als ältester Sohn ungarischer Juden in der Kleinstadt Baktalórántháza, östlich von Debrecen geboren. Er hatte eine unbeschwerte und schöne Kindheit, bis 1940 die jüdische Schule, die er besuchte, geschlossen wurde und er auf eine katholische Schule gehen musste. Ab 1943 nahmen die Schikanen gegen die ungarischen Juden zu und in demselben Jahr verlor er auch die ungarische Staatsbürgerschaft. Als im Frühjahr 1944 die deutsche Wehrmacht Ungarn besetzte, wurde kurze Zeit später auch seine Familie aus dem Heimatdorf vertrieben und in das Ghetto Kisvarda verbracht. Von dort aus wurden sie einen Monat später in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau transportiert, wo seine Familie getrennt wurde: Mutter und Schwestern wurden vergast und Leslie kam in die Kinderbaracke. Später kam er in das Konzentrationslager Dachau und wurde von dort aus in München zur Beseitigung von Trümmern eingesetzt. Schließlich kam er nach Mühldorf am Inn, wo er beim Bau von Rüstungsbunkern helfen musste.

Als einer von 3.600 jüdischen Häftlingen wurde Leslie Schwartz im April 1945 von der KZ-Außenstelle Mühldorf in Richtung Seeshaupt in einen Zug gesteckt und abtransportiert, denn das Lager wurde aufgelöst weil die Alliierten sich näherten. Während der Fahrt des "Mühldorfer Todeszuges" wurde dieser mehrfach von den Alliierten beschossen, wobei es hunderte von Toten gab. Es handelte sich dabei um einen tragischen Irrtum der Alliierten, die in dem Zug offenbar Munitions- und Truppentransporte vermuteten. Beim Aufenthalt am Bahnhof in Poing flohen viele Gefangene und auch Leslie Schwartz, denn das Gerücht ging um, dass der Krieg vorbei sei. Viele von ihnen wurden aber auf der Flucht erschossen. Leslie Schwartz jedoch wurde von einem SS-Mann gestellt und ohne zu zögern in den Kopf geschossen. Die Kugel traf ihn hinter seinem Ohr und trat in seiner Wange wieder aus. Der SS-Mann schrie ihn an, aufzustehen und wieder in den Zug zu gehen oder erschossen zu werden. Leslie Schwartz stand auf und stieg wieder in den Zug. ... GLÜCK, GLÜCK, GLÜCK, betonte Leslie Schwartz immer wieder, habe er gehabt. Und einen eisernen Willen, der ihm in die Wiege gelegt wurde. 

Schließlich wurde Leslie Schwartz am 30. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Anfang Mai wurde er dann in einem Militärlazarett von einem deutschen Militärarzt operiert. Hier wurde er auch wegen Typhus behandelt. Er wog zu dieser Zeit nur noch 35 kg! Im Juli 1946 siedelte Leslie Schwartz auf Einladung seines Onkels in die USA nach New York über. Er absolvierte eine Ausbildung zum Drucker und unterhielt später eine eigene Druckerei in New York. Leslie Schwartz hat einen Sohn, der 1957 geboren wurde.

Heute lebt der Mann mit der bewegten Vergangenheit teils in New York und Florida sowie in Münster, denn seine zweite Frau Annette stammt aus dieser Stadt. Seit dem Erscheinen seiner Erinnerungen macht er Lesungen und hält Vorträge. In den vergangenen vier Jahren hat er bereits 500 Schulen besucht. Er sucht das Gespräch vor allem mit jungen Menschen, deren Dankbarkeit ihn sichtbar berührt. 2013 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 


Im Anschluss an seinen Lebensbericht zeigte Leslie Schwartz den beeindruckenden Film "Der Mühldorfer Todeszug":

Jahrzehntelang hatte Leslie Schwartz über seine Erlebnisse im Todeszug geschwiegen. Erst die Begegnung mit Schülern eines Gymnasiums in Markt Schwaben brach sein Schweigen. Denn die Jugendlichen haben in jahrelangen freiwilligen Recherchen versucht herauszufinden, was sich in den letzten Kriegstagen auf den heimatlichen Gleisen ereignete. Gemeinsam mit Leslie Schwartz gingen sie an die verschiedenen Stationen des Todeszuges zurück und ergänzten seine Erinnerungen durch Archivrecherchen. Und am Ende dieser Zeitreise stand für Leslie Schwartz das Verzeihen und das Vergeben.

Geplant ist, dass ein weiterer Film über ihn gedreht werden soll, in dem Dustin Hoffmann die Hauptrolle spielen wird. In diesem Film soll es aber weniger um die Holocaust-Zeit von Leslie Schwartz gehen als vielmehr um die Zeit danach.

Vielen Dank, Herr Schwartz, für diesen interessanten und aufschlussreichen Vormittag!






Die Schülerinnen und Schüler tragen sich in das kleine Büchlein von Leslie Schwartz ein:



Leslie Schwartz mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel:


Persönlicher Abschied am Ende der Veranstaltung: